Samstag, 4. März 2017

[Kurzgeschichte] Kaputt, aber nicht ganz

Du weißt, so wirklich weg von dir möchte er nicht, aber ratio vs emotio. Und in diesem Kampf siegt bei ihm immer eine Mischung aus beidem, aber ratio überwiegt dabei ganz knapp. Und dann fliegt er weg.

Zuerst ist es ganz okay und aushaltbar. Du hast all deine Hobbies, um dich abzulenken, und schreiben tut er auch ständig. Und dann wird es weniger. Klar, der hat zu tun und wird dort auch zu Sozialleben gezwungen und überhaupt und sowieso. Kein Ding. Wird wieder besser.

Dann ist der Kerl weg von jeglicher Kommunikationsform. Tagelang. Erst grübelst du nur ob er urplötzlich all seine Elektronik geschrottet hat, und später befürchtest du das Schlimmste. Dann meldet er sich. Und du, die Headhunter und Drei-Capslock-Buchstaben-Vereine bisher nur aus dem Fernsehen kannte, denkst, der verarscht dich erstmal. Aber er hätte dich nie grundlos im Dunkeln gelassen, seine pointierten Umschreibungen sind sorgsam gewählt und weil er er ist, glaubst du es, ungläubig lachend. Und dann bist du mental etwas abgefuckt, aber stolz.

Das ist dein toller Typ, der so eine filmreife Scheiße anzieht.

Und dann geht die Hölle auf Erden los. On-off, mal Antworten, mal tagelang gar nichts. Du weißt nicht wirklich was der Kerl da treibt, er ist nun überall und nirgends.

Du denkst, du kannst das nicht. Du liebst diesen Kerl und weißt 200prozentig, er liebt dich auch. Aber du denkst, du hältst dieses Hin und Her nicht aus, zusammen mit dem anderen Stress, der sich in deinem Leben breitzumachen beginnt.

Du machst das denkbar Dümmste, was du hättest tun können, außer ihn einfach so ziehen zu lassen damals am Airport... du lässt ihn einfach so ziehen, via Messenger, aus der Ferne, wie die letzte feige Drecksau. Nicht komplett, aber den schönen Teil mit all der Liebe und all dem Fallenlassen, denn du denkst, du wirst das nie wieder haben. Du denkst, er wird das greater good wählen. Du verreckst am Gedanken, noch über Monate hinweg tagelang nicht zu wissen, was der Mann da treibt.

Er zieht nicht. Niemals so ganz. Nur ein bisschen, damit du dich beruhigst. Um dir deinen Willen zu geben. Er gibt dir gerne deinen Willen, außer er weiß, es ist mies für dich. Das hier ist mies für dich und auch für ihn, aber er hat ja auch nie geplant, für immer aufzugeben.

Du merkst wie viel bescheidener es dir geht, ganz ohne dieses wohlige Gefühl, dass da all diese Liebe ist. Und das weiß er ganz genau. Er hält es dir nicht vor, aber du merkst, da kommt irgendwann noch was. Wenn du nur wollen und den Mund aufmachen würdest, dann bräuchte es kein Fingerschnipsen und alles wäre wie vorher. Nicht so zweckentfremdet, damit dir der Abstand leichter fällt.

Es dauert gefühlt ewig, bis du dich endlich ent-verbohrst und er merkt, dass da gar keine Mauer war, die es über Zeit einzurennen galt, sondern nur einen bereits aufgeweichten Pappaufsteller. Ihr sprecht euch aus. Ihr wisst, ihr haltet es eh nicht ohne einander aus. Er sagt dir endlich alles, was du im Herzen eh bereit warst, zu wissen - er will wieder kommen, er will nicht da bleiben, er will DICH GOTTVERDAMMT NOCHMAL, ihm ist das auch alles etwas too much. Du bist happy. Zumindest auf dieser Ebene, neben all dem anderen Shit. Du weißt nun 300prozentig, er liebt dich auch. Würde er dir irgendwann die Frage stellen, du würdest trotz der kurzen gemeinsamen Zeit JA VERDAMMT schreien und ihm um den Hals fallen, auch wenn du dazu sehr hoch springen müsstest.

Seine Stories werden abenteuerlicher und machen dir das Hoffen nicht gerade leicht. Du bekommst langsam Angst, dass dein tolles Exemplar einen Defekt kriegt oder - noch schlimmer - nicht mehr geliefert wird. Du ahnst trotz all der Angst nicht mal ansatzweise, wie sehr du ins Schwarzseherische triffst.

Du googelst Dinge, die er andeutet. Du machst dich krank. Zehn Stunden ohne Lebenszeichen werden schon Grund zur Sorge. Du willst die Zeit vorspulen und endlich all die angestaute harte Zuneigung loswerden, dich noch viele weitere Male fallen lassen. Einfach in den Arm willst du übrigens auch dringend. Nicht in irgendwelche, sondern in die, die dir manchmal mitten in der Nacht die Luft aus dem Bauch gedrückt haben, wenn er dich im Schlaf so fest umarmt hat, wie es nie jemand wach tat. Die gleichen Arme, die dich vor suizidalen Radfahrern retteten. Die du beim Netflixen mit den Fingern beharkt hast wie andere im Arztwartezimmer einen Zengarten aus Sand.

Du liebst diesen Kerl und willst einfach nur, dass er wieder kommt.

Er kommt nicht wieder.

Er ruft dich nachts an. Schlaftrunken und doch adrenalingepeitscht drückst du den grünen Hörer. Dir läuft kalter Schweiß die Haut hinab wie kurz vorm Übergeben.

"Ich liebe dich", sagt er ohne Umschweife und klingt komisch, wie ein schlechtes R-Gespräch. Und müde und kaputt und als hätte er drei Tage durchgemacht. Aber doch voll dringlicher Energie, wie ein sehr, sehr, emotionsgeladenes Reibeisen. "Ich liebe dich, aber ich muss dir jetzt weh tun." Bevor du verstehst was passiert weinst du schon lautlos. Im Hintergrund am anderen Ende der Leitung sind hektische Geräusche, Stimmen, Pieptöne. Und er redet. Redet einfach nur, als würde er dir eine Einkaufsliste vorlesen. Er scheint zu wissen, dass er so viel wie möglich loswerden muss, in so wenig Zeit wie möglich. Und du weißt, das muss jetzt sein, und saugst halb verwirrt, halb leugnend alles auf, was da an Worten kommt. Manchmal mühsam herausgepresst und angestrengt. Er kennt dich besser als du dich selbst und darum ringt er dir ein Versprechen ab, nichts an dir auszulassen, nicht alles wegzuwerfen, bitte weiterzumachen. Du versprichst es ihm natürlich, du hättest ihm auch den Mond und den Mars und das ganze Universum versprochen und es völlig ernst gemeint - und dich darum bemüht, es einzuhalten. Weil er er ist, verdammte Scheiße.

Wenige Wochen später brichst du dieses Versprechen das erste Mal.

Nach einigen Minuten, die dir gleichzeitig viel zu kurz und wie drei Jahre vorkommen, sagt er, dass er nicht mehr lange kann. Du kannst auch nicht mehr lange, weil du gleich durchdrehst, aber das verkneifst du dir und erzählst ihm stattdessen, dass er das Beste ist, was dir je passieren konnte und dass du ihn liebst und du komplett überfordert bist und vor allem, dass du ihn liebst. Er weiß das alles. Weil er dich auch liebt. Weil er er ist.

Irgendwann realisierst du, dass da nur noch der grelle, nun anruflose Bildschirm in deiner Hand leuchtet. Die andere Leitung ist weg und du starrst seit Minuten dein Handy an, das den Raum unbarmherzig erleuchtet, kalt und traurig. Du sitzt auf dem Boden, das Gerät neben dir, und du begreifst kaum.

Nach einer Weile ziehst du dich wie paralysiert auf die Matratze und legst dich auf den Rücken. Du starrst die Anrufliste an. Es ist wirklich passiert. Mitten in der Nacht. Dein Gehirn geht in Standby vor lauter Überforderung. Du schläfst ein, den Kopf auf ein tränennasses Kissen gebettet.

Am nächsten Morgen wachst du auf und fragst dich, wie du schlafen konntest. Du zwingst dich mit zitternden Händen, etwas anzuziehen, deine Augenringe abzudecken und wasserfeste Mascara aufzutragen. Du verlässt das Haus mit deiner Arbeitstasche. Draußen ist alles still und kühl und unwirklich.

Du weißt nicht, wie du den Tag überleben sollst, geschweige denn jede weitere Minute ÜBERHAUPT-JEMALS-IMMER.

Wochen später sitzt du abends in deinem Wohnzimmer. Regelmäßig kommt alles hoch. Es ist unfair. Nicht nur wegen deiner Gefühle, sondern weil er das nicht verdient hat. Du weißt genau, du würdest dem, der das verbrochen hat, ohne zu zögern den Kopf zu Brei schlagen. Und es würde dich keinen Deut besser machen, aber nichts anderes ginge. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Herzschlag um Herzschlag. Sein Herz schlug für dich und deins für seins und jetzt schlägt nur noch deines, für euch beide, aber es tut weh dabei. Manchmal läuft es via Notstromaggregat.

Du hast relativ lange nicht mehr geweint. Dein Kopf und dein Herz und dein Körper sind eine verquere, gegensätzliche Mischung aus "zuviel fühlen" und "alles scheiße finden und abgestumpft sein und ohne Hoffnung". Du bist dir sicher, das hat er sich nicht unter weitermachen vorgestellt. Das ist gerade pures Überleben, von Tag zu Tag hangeln. Aber wie sollst du auch ohne ihn mehr als einfach nur überleben? Sein Fehlen ist mehr als ein Schnitt, mit einem Pflaster abgedeckt. Es ist ein Durchschuss mit ausgefransten Rändern. Und der Durchschuss hat diverse Organe gestreift. Alles tut weh und nichts ist mehr ganz.

Du schreibst das alles zum ersten Mal in dein Tagebuch, das bis dahin verstummt ist. Zum ersten Mal fließen wieder heiße Tränen deine Wangen hinab und benetzen deine Wimpern, weil du realisierst wie unwirklich das alles ist. Du weißt nicht, was du noch fühlst, noch fühlen sollst, noch fühlen wirst. Aber gerade brennt es dir das verdammte Herz nahezu aus dem Brustkorb. Du hast tolle Freunde, aber bist auch der einsamste Mensch überhaupt. Nichts wird je wieder gleich sein. Das war die kürzeste und emotionsgeladenste Beziehung, die du je hattest.

Morgen wirst du wieder im Überlebensmodus sein.

Irgendwann gehst du noch mal zum Friedhof und wirst betrauern, was nie sein konnte. Da liegt alles, was so voller Wärme war, und ist nun ganz eiskalt. Nur seine Stimme, die ab und zu in deinem Kopf herumechot, die ist warm wie immer. Immer, wenn sie dir erzählt, dass du ein liebenswerter Vollpfosten bist, selbst wenn sie dir gut zuredet, selbst wenn sie mit dir herumalbert oder du mit ihr einen Diskurs über Alkohol und Bacon führst.

Du weißt, das ist nicht ganz normal, aber es ist ein Antrieb, und manchmal lässt du sie das Ruder übernehmen und lauschst und bildest dir ein, da ist irgendwie doch noch was. Entitätenkrams oder so'n Rotz. Es ist so viel besser als der Zombiemodus, der dich meistens befällt. Aber ab und zu ist die Stimme auch still. Wer weiß, was sie dann treibt.

Morgen wirst du wieder im Überlebensmodus sein, aber gerade lässt du das Brennen in deinem Herz noch eine Weile lichterloh durch die Rippen strahlen wie ein inneres Lagerfeuer.

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