Donnerstag, 20. Oktober 2016

Warum ich mich wiederholt in der Mitarbeitertoilette auszog

Hallo, kleine Flauschemietzen!

Ich komme gleich zum Punkt: Wer in den letzten Monaten halbwegs aufmerksam hier, auf Twitter und auf meinem YouTube-Kanal war, der dürfte wissen - ich hasse meinen aktuellen Job. Da ich aber nicht nur meckern und mich in Selbstmitleid suhlen kann, habe ich mich stoisch weiter beworben.

Teils auch ganz dreist während der Arbeitszeit Job-Mailinglisten durchwühlt.


Aber irgendwie schien mich keiner sonst haben zu wollen. Bachelor-B-Ware.

Ich hatte gerade frisch die Hoffnung zum ca. 40. Mal aufgegeben und wollte mir einen Bleistift mit dem spitzen Ende ins Auge rammen, während ich vor drei Projekten gleichzeitig saß (alle mit der Deadline "gestern"), da klingelte mein Handy! Unbekannte Nummer!! Adrenalin!!! Entweder wollte man mir einen Vertrag für Sky Bundesliga andrehen, oder aber...

Ich eilte ins Treppenhaus meiner Arbeitsstelle (woanders kann man nicht wirklich ungestört telefonieren) und swipte mit zittrigen Fingern nach rechts. Ein Mann nuschelte mir ins Ohr; vielleicht war auch einfach nur der Empfang scheiße.
"Wer ist da?", hakte ich dümmlich nach.
"Herr XYZ von XYZ, sie hatten sich beworben!"
"Oh... stimmt..."



Ich machte mit dem nordisch unterkühlten, aber netten Herren also einen Termin für Mitte nächster Woche aus. Das würde lustig werden - abends nach der Arbeit noch abgehetzt da hin, irgendwie nice aussehen, irgendwo noch Gehirn-Restreserven mobilisieren.

Bequemerweise wurde ich gegen Ende der Woche krank.

Bequemerweise war ich die ganze nächste Woche krankgeschrieben.

Anstrengenderweise schleppte ich mich dennoch in Blazer und Pumps zu dem Gespräch und hoffte, nicht allzu durch zu sein. Der Eingangsbereich des Gebäudes sah aus wie teure Hotellobbies aus Hollywoodfilmen. Ich war in meinen besten Klamotten und fühlte mich underdressed.

Ich wurde in einen Raum geführt, in dem nichts weiter war außer einem Tisch, einem Stuhl, einem Telefon, einem Rechner mit zwei Bildschirmen und einem Glas Wasser. Dezent unvorbereitet auf CIA-artige Einstellungstests brach ich in Schweiß aus und verbrachte die nächsten 45min alleine in dem Raum und löste Aufgaben.




Richtig gelesen. Irgendwie löste ich mit Schwindel, aber immerhin sehr hydriert ALLE FUCKING AUFGABEN. Die letzten paar Minuten verbrachte ich sogar mit ungläubigem Starren auf den Bildschirm!

Danach hatte ich ein entspanntes Gespräch mit meinem neuen Homie, Herrn Nordisch By Nature, und noch einer netten Dame. Ich durfte Kekse essen und mir anhören, dass sie meinen aktuellen Arbeitgeber gar nicht mal so knorke finden. Innerlich starb ich diverse Tode, äußerlich war ich smart und wortgewandt. Fragt mich nicht wie, ich weiß es auch nicht! Ich ging nach Hause und in meinem Kopf zeichnete sich ein Silberstreif der Hoffnung am Hypothalamus-Horizont ab.

Danach passierte erstmal gar nichts.

Dann sollte ich in den Recall.

"Leider" war ich nicht mehr krankgeschrieben, hatte den Termin recht früh und musste deswegen bereits früher gehen (in meinem Büro Todsünde Nummer 1 neben dem Wunsch nach fairem Workload). Ich konnte also nicht einfach in Ruhe, vorbereitet und bereits schick da hinspazieren. Ich konnte aber auch nicht in voller Businessmontur auf der Arbeit erscheinen. Genauso gut hätte ich ein Neonschild mit mir herumtragen können, auf dem stünde "Ich hasse alles hier und bewerbe mich woanders, LOLZ!!"


Was tun...?

In die sehr geräumige Toilette für Leute auf vier Rollen gehen, sich binnen fünf Minuten umziehen und hübsch machen, sich fragen wie man all die Klamotten samt Blazer knitterfrei in die Handtasche gestopft hat, an der Tür lauschen und dann... hetzen was das Zeug hält. Bis nach draußen. Dann schnellen Schrittes zur U-Bahn. Hauptsache außer Gebäudesichtweite!

Danach hatte ich das zweitentspannteste Gespräch auf Erden.
Es gab Kekse UND Celebrations. Ich aß zwei Bounty, einen Keks und krümelte meinen Blazer voll like a lady.

Danach passierte wieder erstmal gar nichts.

Dann sollte ich in den zweiten und letzten Recall. Langsam gingen mir die Ausreden aus.

Repeat circle. Kram in Handtasche stopfen (und sich dabei Hoipoi-Kapseln wünschen), hektisch auf der Toilette umziehen, Eile.

Dieses Mal wurde ich vor einen extrem großen Flachbildfernseher gesetzt - auf dem Tisch neben mir ein Mikro. Auf dem Fernseher sah ich meine angsterfüllte eigene Wenigkeit oben rechts in der Ecke sowie ganz groß und riesig einen leeren Raum.

Ich starrte 10min lang aus dem Fenster, bis in dem Raum auf dem Fernseher plötzlich Leute waren.

Danach erzählte ich zwei Frauen auf Englisch wer ich war, warum ich aus meinem aktuellen Job weg wollte und was genau ich bei denen wollte. Manchmal fielen mir ad hoc Begriffe wie "Jahresabschlussprüfung" nicht ein (annual audit, by the way); dann umschrieb ich sie einfach grundschülerhaft simpel. Aber ich sagte nie nichts.

Und ich glaube, genau darum habe ich demnächst einen neuen Job.



Kommentare:

  1. Ich freue mich für Dich (und den Bleistift, der nun auch kein Trauma davontragen muß). Die Fahrstrecke wird auch nicht schlimmer?

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    1. Fahrstrecke = gleichbleibend bis minimal kürzer :) Für mehr Geld.

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  2. Das klingt doch schon mal zimlich gut. Glückwunsch :)

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